Lektüre(n) gegen das Vergessen ist ein Projekt der Arbeitsgruppe
"Demokratie für Kuba-Berlin"

lunes, 29 de abril de 2013

Michael Bradler: "Ich wollte doch nicht an der Mauer erschossen werden"


HAFTBEFEHL


"Ich weiß heute nicht mehr genau, wie lange ich in meiner Einzelzelle schmorte.Das Zeitgefühl war mir sehr schnell abhanden gekommen. Irgendwann drehte sich ein Schlüssel im Schloss.......Wieder das kommense. Wieder über endlose Gänge. Zwischendurch  Halt, Gesicht zur Wand, immer dann, wenn an der Decke die rote Lampe angeht. Ich ahnte schon, dass der Grund hierfür darin lag,dass sich irgendjemand aus einem Seitengang näherte, dem ich nicht begegnen soll, den ich nicht einmal sehen durfte........Warum war das so? Klar, man sollte vereinsamen. Nicht einmal durch einen schnellen Blickkontakt Trost finden, dass es auch andere neben einem selbst gab, denen es ebenso erging.Geteiltes Leid ist halbes Leid, das sollte es hier nicht geben! Man sollte völlig ausgeliefert sein, einzig und allein Kontakt zu Posten und Vernehmern haben. Auf diese Weise wird der Mensch immer kleiner,psychisch gebrochen, ein willenloses Häufchen Elend. Es ging auf subtile Art und Weise darum, den Häftling gefügig zu machen.......Ich wurde in einen Raum geführt, der vom Nebenraum durch ein vergittertes Fensterchen abgetrennt war. Mir gegenüber, jenseits des Gitters, saß ein Mann. Wohl der Haftrichter. Warum das Gitter zwischen uns? Sicherlich um zu verhindern, dass der Häftling dem Herrn Haftrichter vor lauter Begeisterung gleich um den Hals fällt? Er verlas mir den Haftbefehl. .... Was nicht im Haftbefehl steht, ist der Nachsatz des Haftsrichters: Die Höchsstrafe für landesverräterische Nachrichtenübermittlung beträgt 12 Jahre. Diese Worte trafen mich wie ein Blitz! Ich war wie gelähmt. Zwölf Jahre! Wegen landesverräterischer Nachrichten übermittlung? Wieso denn?


aus: Michael Bradler "Ich wollte  doch nicht an der Mauer erschossen werden"

      http://www.buchhandlung89.de/Michael-Bradler-Ich-wollte-doch-nicht-an-der-Mauer-erschossen-werden


"Jetzt, im Vernehmungszimmer, schiebt sein Vater ihm einen Zettel und einen Bleistift über den Tisch und sagt die Worte, die Michael Bradler sein Leben lang nicht mehr vergessen wird: "Du ziehst jetzt deinen Ausreiseantrag zurück, oder ich bin nicht mehr länger dein Vater." Der Sohn weint, aber er zieht nicht zurück. Michael Bradler steht auf und lässt sich in seine Zelle zurückbringen. Er wird seinen Vater nie wieder sehen"

 http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte-wie-die-stasi-einen-mann-zur-waise-machte-a-307465.html

 http://www.stiftung-hsh.de/page.php?cat_id=CAT_224&con_id=CON_698&page_id=378&subcat_id=

sábado, 6 de abril de 2013

Dieter Drewitz: "Kennwort Alpenveilchen. Zwischen Stasiknast und Kaltem Krieg".

"Das Verhör zog sich Stunde um Stunde hin. Inzwischen war es längst dunkel, da wurde es plötzlich abgebrochen. Die Polizisten legten mir Handschellen an, und einer stieß mich mit seinem Karabiner auf den Hof. Dort stand ein mit Gardinen verhängter dunkler PKW "Sachsenring", besetzt mit einigen Herren, die sich als MfS (Ministerium für Staatssicherheit)- Mitarbeiter ausgaben.Vorn zwei in Zivil, hinten zwei Uniformierte.Zwischen den beiden hinten Sitzenden musste ich Platz nehmen, wobei einer der beiden mit einer Pistole vor meinem Gesicht herumfuchtelte und mir drohte, von ihr Gebrauch zu machen, sollte ich Widerstand leisten........Die Fahrt ging nur um einige Ecken und endete auf einem festungsartig umzäunten Grundstück...Ich wurde in einem Raum gestoßen, wo sich auch gleich ein Kerl in Zivil, Mitte bis Ende zwanzig, auf mich stürzte, mich mit beiden Händen am Kragen packte, unablässig schüttelte und brüllte. Zuerst konnte ich nicht verstehen, was er schrie. Dann erst merkte ich, dass es immer die gleiche Frage war: Bei welcher West-Berliner Zeitung wolltest du die Fotos verkaufen, für welchen Geheimdienst arbeitest du?....Ein uniformierter Stasimann brachte mich schließlich in den Keller.....Der Albtraum währte nun schon fast zwölf Stunden, ich fühlte mich am Ende- und ahnte nicht, dass es erst der Anfang war..."

Dieter Drewitz: "Kennwort Alpenveilchen"